1. Europäischer Kulturweg

in Baden-Württemberg

Alte Höhefelder Geschichten



Die wilde Frau vom Knollenberg

Als die Riesen in ganz Deutschland verschwunden waren, erschienen an ihrer Stelle wilde Männer mit ihren Frauen. Diese waren bei weiten nicht so groß wie die Riesen, aber doch immer noch größer als die Menschen. Manche von ihnen zeigten sich am ganzen Leibe dicht behaart, während andere nur lange Bärte trugen.
Im Sommer gingen sie gewöhnlich nackt; nur den Unterleib bedeckten sie mir einem Schurz aus grünen Zweigen und den Kopf gegen die Sonne mit einem Blätterkranz. Zur Winterszeit trugen sie Tierfelle, während sie die Füße mit einer eigenartigen Verschnürung bedeckten. Die Frauen trugen das ganze Jahr hindurch Kleider in den verschiedensten Farben gestrickt und gewoben.
Eine solche wilde Frau zeigte sich auch vor vielen Jahrhunderten zu Niklashausen. Eines Tages sah man sie, eine hochgewachsene Frau, an der alten Steige gegen den Knollenberg aus einer Höhle herauskommen.
Am Ehrlisbrunnen schöpfte sie mit einem großen silbernen Gefäße Wasser und verschwand wieder in der Höhle. Sie zeigte sich noch sehr oft und zwar gewöhnlich morgens bei Sonnenaufgang, mittags, wenn die Sonne am höchsten stand, und abends wenn sie unterging. Die Frau war meist in grünem Kleide mit rotem Zierrat und sah sehr stolz und vornehm aus. Später begegnete sie auch Männern im Walde; hier trug sie einen Spieß, mit dem sie das Wild aus weiter Entfernung erlegte.
Einst graste eine arme Frau in der Nähe des Ehrlisbrunnen. Da kam die Wildfrau zu ihr und fragte sie nach ihren Verhältnissen. Als sie erfuhr, die Frau sei eine arme Witwe mit fünf Kindern, da griff sie auf den Boden, nahm eine Handvoll gelbes Laub und steckte es der Witwe in den Tragkorb mit dem Bemerken, nicht eher nach dem Laub zu sehen, als bis sie zu Hause die Dachtraufe ihrer Wohnung überschritten habe.
Als die Arme daheim nachsah, lagen auf dem Boden der Kötze lauter blinkende Goldstücke, durch welche die Witwe aus ihrer Not befreit war.
Diese Wohltat wurde im Dorf viel besprochen. Großes Erstaunen aber erregte die beschenkte Witwe, als sie erzählte, die wilde Frau sei zwar schön von Angesicht, an Händen und Füßen; aber ihr Leib sei mit langem, dunklen Zottelhaar bewachsen.
Eine ähnliche Geschichte begab sich bald darauf mit einer anderen alten Frau. Diese bekam ebenfalls eine Handvoll gelbes Laub in ihren Korb mit der Weisung, erst nach dem Überschreiten der Dachtraufe danach zu sehen. Allein die Neugierde, zu wissen, ob sich das Laub zugleich in Gold verwandelt habe, ließ der Beschenkten keine Ruhe. Sie schaute noch vor dem Dorfe auf den Grund ihres Gerätes, da war das Laub immer noch Laub. Die Törin hatte das Gebot der guten Frau übertreten.

Ganz schlimm ging es einem Mann aus dem Dorfe Böttighgeim: Er hatte von den Goldspenden der wilden Frau gehört. Trotzdem er ein reicher Mann war, wollte er sich noch mehr Geld verschaffen. Als Bettelmann mit einem großen Sack ging er zu guter Zeit zum Ehrlisbrunnen. Als die junge Frau kam, jammerte der Bauer über sein Ehlend und bat ebenfalls um Laub. “Mit Laub kann ich dir dienen”, antwortete die Frau, “aber gelbes Laub gibt es in der jetzigen Zeit nicht.” Darauf fragte der Bauer, ob er nicht vielleicht auch die ganz kleinen Steinchen im Feld auflesen und in den Sack stecken könne.
Als die Frau nichts dagegen einwendete, füllte er, in der Hoffnung, dass sie zu Gold würden, den gabzen Sack mit Steinen. Die Wilde Frau half ihm sogar noch die schwere Last auf den Rücken und riet ihm, erst über der Dachtraufe seinen Sack zu öffnen. Mit Müh und Not kam der Bauer, keuchend unter seiner Bürde, endlich zu Hause an.
Als er den Sack öffnete, waren jedoch nur Steine darin. Dazu hatte sich der Geizhals unter der großen Last einen gefählichen Leibesschaden geholt, an dem er zeitlebens zu leiden hatte. So hatte die wilde Frau den Heuchler bestraft.

Ähnlich erging es einem Mann aus Gamburg, der Gebrechlichkeit vorschützend auf zwei Krücken zu der wilden Frau kam. Diesem aber half sie dadurch sehr schnell auf die Beine, dass sie ihn mit ihrem Speer tüchtig durchprügelte und ihn so bis vor das erste Haus in Niklashausen verfolgte. Die Krücken, die der Heuchler weggeworfen hatte, steckte dann die Frau zur Warnung bei dem Ehrlisbrunnen in den Boden, wo sie noch lange zu sehen waren
VI.  Während erwachsene Leute von nun an nicht mehr gern zu dem Brunnen oder in die Nähe gingen, hatten die Kinder stets eine gute Aufnahme. Sie kamen oft dutzendweise dahin und erhielten Kuchen und Obst als Geschenk, so dass sich darüber allgemeine Freude unter der Jugend verbreitete. Soviel sie auch gab, ihr Vorrat war immer unerschöpflich, und das Obst war von der feinsten Art, wie man es in der ganzen Gegend sonst nicht traf...
... Diese und ähnliche Geschichten machten viel Aufsehen in der Höhefelder Gegend. Schlechte Leute aber hüteten sich hinfort, die Güte der wilden Frau in Anspruch zu nehmen, und wer nicht der Arbeit wegen in die Nähe musste, mied den Platz beim Ehrlisbrunnen.


Frau Holle / Hulle

Seit uralten Zeiten wurde die Erde als große Mutter von den Menschen verehrt. Sie hatte viele Namen. Hier im westdeutschen Raum hieß sie Frau Holle. Ihr Reich war in Teichen und Seen, auf Bergen und in Höhlen zu finden.
Sie war die Jahreszeiten, die Himmelsrichtungen und das herannahende Wetter. Ihre Kraft war in jedem Stein, Baum, Mensch und Tier zu spüren.
Die Menschen lebten vom Ackerbau und waren tief verbunden mit den Jahreszeiten.
Sie feierten mit Tänzen und Feuer ihre Feste.
In der Landschaft von Wertheim-Höhefeld finden wir alle Elemente dieser Erdverehrung wieder.
Eine Fülle von Sagen über den Höhenzug, der in alten Zeiten der Knollenberg oder auch Hollenberg hieß, erzählen von dieser alteuropäischen Auffassung der Erdverehrung.
Von Anbeginn der frühen Besiedlung von Höhefeld, in der Jungsteinzeit bis Feudalzeit, suchten die Menschen diese Landschaft auf, um den Segen der Erde in Gestalt der Frau Holle zu erbitten.

                                                                                                                                                                       … Claudia Lodders




Die Wassermädchen von Höhefeld

Als einmal die Dorfjugend von Höhefeld in einer Scheuer nach altem Brauch zum Kirchweihtanz beisammen war, kamen zwei fremde weibliche Gestalten herein. Sie waren nicht in der roten, fränkischen Landestracht gekleidet, sondern trugen beide dunkle Überwürfe. Einer der Burschen fragte sie, ob sie auch tanzten, was sie bejahten.
Als sie dann zum Tanze gingen, legten sie ihre Mäntel ab. Da erschienen sie in lichtblauen Gewändern mit ganz kurzen Ärmeln, schneeweißen Schürzen und langen, gelben Handschuhen, die bis zum Ellenbogen reichten; ihre Haare waren schön geflochten und von goldgelber Farbe. Ihr Tanz schien so zierlich und fein, dass sie allgemeine Bewunderung erregten. Spät in der Nacht erklärten sie, nach Hause gehen zu müssen.
Da lud sie der Sternwirt zur folgenden Winterspinnstube ein, die am ersten Adventstage beginnen sollte. Die beiden Fremden sagten zu, wenn es ihnen möglich sei. Als der Abend herankam, öffnete sich die Tür, die beiden Mädchen erschienen in der nämlichen Tracht wie früher und setzten sich mitten unter die Spinnerinnen des Dorfes.
Zum Spinnen legten sie ihre Handschuhe und Mäntel im Nebenzimmer ab. Dann spannen, sangen und plauderten und scherzten sie mit den anderen; auch Speise und Trank nahmen sie zu sich, wie diese. Als sie gegen Mitternacht sich entfernten, richteten sie an die Anwesenden die Frage, ob sie wiederkommen dürften.
Am dritten Abend erschienen sie denn auch wieder. Im Eifer der Arbeit fiel zufällig ein Knäuel Garn dem einen der Mädchen zu Füßen. Schnell bückte sich ein Bursche darnach und hob es auf. Dabei streifte er mit der Hand den Saum ihres Kleides und fühlte, dass dieser ganz nass war. Als die beiden Mädchen an diesem Abend die Spinnstube verlassen hatten, erzählte der Bursche seine Wahrnehmung. als nun auch noch ein anderer berichtete, sein Großvater habe oft erzählt, in dem Seebrunnen beim Dorfe gäbe es Wasserfräulein, so war man einig, dass die beiden Fremden niemand anders als die Wasserfräulein vom Seebrunnen seien.
Da sich aber die Burschen von Höhefeld immer lebhafter für die beiden Mädchen interessierten, so wurden die Dorfschönen bald eifersüchtig. Eine derselben nahm dann in der letzten Spinnstube des Winters einen Handschuh der Fräulein weg. Als diese endlich weggehen wollten, suchten sie lange vergebens danach. Als es eben zwölf Uhr schlug und der Handschuh immer noch nicht gefunden war, rief eine der beiden laut aus: “Wir sind verloren!” und weinte. Darauf entfernten sie sich und eilten zum Seebrunnen.
Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang begann das Wasser der Quelle plötzlich zu brausen, und ein Blutstrahl stieg auf. Die Fräulein aber kamen von da an nicht wieder. Das Dorfmädchen, das den Handschuh versteckt hatte, fand kein Glück mehr, weder in der Liebe noch in ihrem ganzen übrigen Leben. Auch der Seebrunnen zeigte von der Zeit an viel weniger Wasser